Ausstellung ›Das Menschengeschlecht‹

April bis Dezember 2025
Portal zur Geschichte e.V.

»Es ging uns darum, am Leben zu bleiben.« schrieb KZ-Überlebender Robert Antelme in seiner Dokumentation ›Das Menschengeschlecht‹. Die gleichnamige Ausstellung brachte erstmals die Geschichte des KZ Außenlagers Gandersheim und seiner Insassen ans Licht.

Das Kloster Brunshausen in Bad Gandersheim ist ein Ort mit über 1200 Jahren deutscher und europäischer Geschichte. Im Jahr 1944/45 schrieb es sein bislang dunkelstes Kapitel. Die Nationalsozialisten errichteten in den Mauern ein Außenlager des KZ Buchenwalds. In der teilweise zerfallenen Klosterkirche waren bis zu 584 KZ-Häftlinge untergebracht, die unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit für den nahegelegenen Rüstungsbetrieb Heinkel AG leisten mussten. »Die Verbindung von geistlichem Ort und nationalsozialistischer Zwangsarbeit berührt grundlegende gesellschaftliche, religiöse und politische Fragen und macht deutlich, wie verletzlich menschliche Würde ist und wie wichtig es bleibt, historische Verantwortung wahrzunehmen«, fasst die Kuratorin der Ausstellung, Ulla Feiste, die Besonderheit des Ortes und seiner Wirkung in die Region zusammen.

Die Auflösung des Außenlagers endete mit einem Massaker und einem Todesmarsch. Anlässlich des 80. Jahrestags der Auflösung wurden anhand von Dokumentationen, Archivmaterialien, originalen Exponaten und Zitaten die unmenschlichen Bedingungen und der Terror, dem die Häftlinge ausgesetzt waren, veranschaulicht. Besonders wertvoll war die Dokumentation von Résistance-Kämpfer und ehemaligem Häftling Robert Antelme. Der französische Autor war von Oktober 1944 bis April 1945 als Gefangener im KZ-Außenlager Brunshausen inhaftiert und schildert seine Erlebnisse während der Gefangenschaft eindrucksvoll in seinem Buch ›Das Menschengeschlecht‹. Zeitzeugenberichte wie diese seien besonders wertvoll: »Mit dem Wegfall der letzten Überlebenden gewinnen schriftliche Zeugnisse – wie Robert Antelmes literarische Darstellung – zunehmend an Bedeutung, um die Ereignisse der NS-Zeit nachvollziehen zu können«.

Das Werk bereichert die Ausstellung um eine neue Dimension, erklärt Ulla Feiste: »Es ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch ein literarisches Werk, das grundlegende Fragen der Menschlichkeit und des Überlebens in Extremsituationen verhandelt. Während Antelmes Texte die existenzielle Erfahrung der Gefangenschaft verdichten, ermöglichen Archivalien eine präzise historische Einordnung. Beide Ebenen ergänzen sich und eröffnen neue Zugänge zur Regionalgeschichte«.

Auch in der Gegenwart sind noch Spuren dieser dunklen Zeit zu spüren: »Besonders berührt hat mich der Moment, als ein Besucher nach seinem Ausstellungsrundgang zwei Werkausweise übergab. Erst durch diese Dokumente ließ sich eindeutig nachweisen, dass das ›Heinkel-Werk‹ tatsächlich nach Bad Gandersheim verlegt worden war und Mitarbeiter dorthin mitgenommen wurden«, erzählt Ulla Feiste.

Die Ausstellung und das angebotene Begleitprogramm fanden großen Anklang: »Besonders eindrücklich war das wiederkehrende Staunen vieler Besuchender darüber, dass die ›große‹ Geschichte unmittelbar vor Ort stattgefunden hat. Die Verbindung von Zwangsarbeit, KZ-Häftlingen, Archivalien und literarischer Bearbeitung eröffnete vielfältige Zugänge und berührte die Menschen auf sehr unterschiedliche Weise. Auffällig war die lange Verweildauer nach dem eigentlichen Rundgang: Viele blieben, um Texte zu lesen, Quellen zu vergleichen oder Eindrücke miteinander zu besprechen. Unvergessen bleibt eine Schulklasse, die nach dem Workshop eigenständig darüber ins Gespräch kam, wie ein Ort mit so langer religiöser Tradition zu einem Schauplatz von Zwangsarbeit werden konnte. Besonders eindringlich diskutierten sie Antelmes Schilderungen der sprachlichen Brutalisierung im Lager – und erkannten darin ein Warnsignal, das weit über die historische Situation hinausweist«.

Die angeregten Diskussionen zeigen die Aktualität der Ausstellung und des Themas: »Die Beschäftigung mit Mechanismen wie Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt zeigt, dass diese Themen auch heute hochrelevant sind. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte schärft das Bewusstsein für demokratische Werte und die Verantwortung, ihnen im Alltag Geltung zu verschaffen«.

Eine Ausstellung, die unter die Haut geht. Auf der Homepage des Portals zur Geschichte e.V. befindet sich Begleitmaterial zur Sonderausstellung mit weiterführenden und umfassend wissenschaftlich aufbereiteten Informationen.