55 Jahre Helmstedter Chor- und Singschule

2025–2026
Helmstedter Chor- und Singschule e.V.

Die Helmstedter Chor- und Singschule feierte im Jahr 2025 ihr 55-jähriges Bestehen. Ursprünglich als Knabenchor ins Leben gerufen, entwickelte sich der Chor zu einem vielseitigen Ensemble, das heute Mädchen, Jungen und Erwachsene vereint und ein facettenreiches musikalisches Programm in verschiedenen Kirchen in der Region zur Aufführung bringt.

Gemeinsam mit dem Leiter der Helmstedter Chorknaben, Stefan Runge, schauen wir auf die Geschichte des traditionsreichen Ensembles zurück und werfen einen Blick in die Zukunft.

Im Jahr 2025 feiert die Helmstedter Chor- und Singschule ihr 55. Jubiläum. Wie blicken Sie auf ein halbes Jahrhundert Chorgeschichte in Helmstedt – und welche Entwicklungen sind Ihnen besonders wichtig?

»Die Geschichte der Helmstedter Chor- und Singschule geht auf die Gründung der Helmstedter Chorknaben im Jahre 1970 durch meinen Vorgänger, Herrn Dr. Helfried Israel, zurück. Was anfänglich als Knabenchor Blüten trieb, musste mit den geschichtlichen Veränderungen der Lage und Bedeutung Helmstedts einen rasanten Wandel erleben. Als ich vor 30 Jahren den Chor übernahm, war dieser schon nicht mehr singfähig. Schnell wurde klar, dass eine Öffnung des Chores auch für Mädchen notwendig wurde. Aber auch diese Entscheidung wurde im Laufe der Jahrzehnte überholt. Die Umgestaltung zu einem generationsübergreifenden Angebot wurde unumgänglich. Derartige Veränderungen sind in Helmstedt nicht leicht gewesen, wollten doch Traditionalisten in der Erinnerung des früheren Knabenchores verharren. Trotz aller Schwierigkeiten haben sich die Veränderungen als richtig und notwendig erwiesen. Der Chor – heute eingebettet in die Helmstedter Chor- und Singschule mit ihren Förderangeboten – besteht nunmehr wieder aus ca. 30 aktiven Sängerinnen und Sängern im Alter von 13–80 Jahren und hat sich leistungsmäßig im Kulturraum des Braunschweiger Landes etabliert. Die Corona-Pandemie hat dabei dem Chor nicht geschadet, sondern durch die konsequente Weiterführung im Rahmen der rechtlichen Zulässigkeiten neue Mitglieder zugeführt. Seit Jahren führt der Konzertchor Helmstedt die großen Oratorien der Weltliteratur, aber auch weltliche Programme auf. Der Erfolg scheint nachträglich alle Veränderungen zu rechtfertigen.«

Warum ist Chormusik Ihrer Meinung nach noch heute so bedeutsam – für die Menschen selbst, aber auch für die kulturelle Identität und Gemeinschaft in Helmstedt?

»Chormusik umfasst den ganzen Körper eines singenden Menschen. Deshalb ist eine funktionierende, harmonische Gemeinschaft in einem Chor von elementarer Bedeutung. Keine Sängerin, kein Sänger wird bereit sein, sich stimmlich auszuprobieren, zu entwickeln und sich menschlich in eine Gemeinschaft einzubringen, wenn die Grundparameter von Respekt und Toleranz nicht gegeben sind. Über diese Entwicklungen zu wachen, ist auch Aufgabe des Chorleiters. Die Vielfalt der singenden Menschen muss dieser auf die gemeinsame Plattform eines freiwilligen, disziplinierten Arbeitens zur Vollendung der chorischen Aufgaben stellen. Das ist ein Balanceakt, den wir in Helmstedt bisher gewinnbringend vollziehen. Wir sind in der Gemeinschaft alle viele, aber in einer Komposition sind wir alle eins! Ein derartiger Mikrokosmos strahlt hinaus in die Stadtgemeinde. Man nimmt wahr, dass Freude und Arbeit miteinander gehen können, dass sie ein Fundament funktionierender gesellschaftlicher Strukturen sein können, auch und gerade bei unterschiedlichen Bedarfen der verschiedenen mitwirkenden Generationen. In unserer Einrichtung gilt aus Überzeugung eine Null-Toleranz gegenüber Hass und Diskriminierung jeglicher Art. Diese gemeinschaftliche Überzeugung der Choristen strahlt in die Stadtgemeinde hinein. So werden wir als Kulturtreibende auch zu Brückenbauern.«

Welche Vision haben Sie für die Chorarbeit in den kommenden Jahren?

»Der Visionen gibt es viele, der Hoffnungen aber nur wenige. Eine Einrichtung, die sich zu 100% selbst finanzieren muss, ihre Konzerte nur durch Drittmittel decken kann, die schon wieder ihr räumliches Domizil verliert und deren Chorleiter in wenigen Jahren sich in die Rente verabschieden wird, all dies schafft Hürden, die zu überwinden möglicherweise auch unsere Gemeinschaft überfordern wird. Und dennoch spüre ich, dass der Chor beseelt ist von dem Willen, genau das hinzubekommen. Musikalisch höre ich sehr deutlich in den Chor hinein. Nicht jede Komposition, die schön ist, tut dem Chor auch gut, bzw. entwickelt ihn ausreichend. Dies zu erkennen und dem Chor zu vermitteln, wird eine stetige Aufgabe sein, damit der Chor auch zukünftig gegenüber jeglicher Musik offenbleibt und sich diese erobert. Meine sehr persönliche Vision wäre, dass Politiker und die Menschen der Stadt erkennen würden, dass eine Einrichtung wie unsere helfen und vorleben kann, wie in der Gesellschaft friedlich miteinander umgegangen werden kann. Wer gemeinsam singt, bekriegt sich nicht.«