Tanztheater ›Dare to Care‹

23. und 24. November 2025
Tiago Rodrigues Manquinho

Wie kann Fürsorge gelebt werden – in einer Zeit, die von Krisen und Ungleichheit geprägt ist? ›Dare to Care‹ stellte diese Frage ins Zentrum und verstand Fürsorge nicht als Schwäche, sondern als Form von Zusammenhalt und als Gegenentwurf zu Ausgrenzung.

Das Tanztheaterstück betrachtete Fürsorge als etwas Politisches: Wer wird gesehen, wer gehört, wessen Bedürfnisse zählen? Inspiriert von Disability Justice rückte die Produktion insbesondere Perspektiven von Menschen mit Behinderung in den Fokus und verstand gegenseitige Abhängigkeit als Realität – und als Chance für Solidarität.

Das Ensemble act:on rund um Tiago Manquinho hinterfragte dabei gängige Vorstellungen von Fürsorge und Intimität und lud dazu ein, Unterstützung neu zu denken – als gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe.

Die Aufführungen fanden im November 2025 im Theater Lindenhof statt. Begleitend gab es u.a. zwei öffentliche Proben, einen Mixed-Abled-Tanzworkshop sowie Nachgespräche. Kooperationen mit der Lebenshilfe Braunschweig und der Stiftung Neuerkerode wurden aufgebaut.

Im Anschluss folgt ein kurzes Interview mit Tiago Manquinho mit persönlichen Einblicken in das Projekt.

Lieber Tiago Rodrigues Manquinho, welche zentralen Themen oder Botschaften möchten Sie mit dem Tanztheater ›Dare to Care‹ vermitteln?

» ›Dare to Care‹ versteht Fürsorge als etwas Politisches. Im Zentrum steht die Frage, wie wir Verantwortung füreinander übernehmen können, ohne dabei in Abhängigkeiten oder Machtverhältnisse zu geraten. Gleichzeitig hinterfragt das Stück gängige Vorstellungen von Autonomie und Leistungsfähigkeit und setzt ihnen ein Verständnis von gegenseitiger Abhängigkeit entgegen. Aus Perspektiven der Disability Justice richtet sich der Blick auf Körper und Erfahrungen, die häufig marginalisiert werden. Fürsorge erscheint hier nicht als private Aufgabe, sondern als kollektive Praxis, die Solidarität, Zugang und Gerechtigkeit mitdenkt. Diese Komplexität versuchen wir nicht nur darzustellen, sondern gemeinsam mit dem Publikum erfahrbar zu machen, indem wir einen gemeinsamen Raum schaffen, in dem Fürsorge spürbar wird.«

Wie ist das Konzept und die Choreografie des Stücks entstanden, und welche Erfahrungen oder Inspirationen der Mitwirkenden haben besonders Einfluss genommen?

»Das Stück entstand aus einem kollektiven Rechercheprozess. Ausgangspunkt waren Gespräche, persönliche Erfahrungen und Fragestellungen rund um Fürsorge, Abhängigkeit und Zugehörigkeit. Die Performer:innen brachten eigene körperliche und biografische Perspektiven ein, die den choreografischen Prozess wesentlich geprägt haben. Zentrale Impulse kamen aus Ansätzen der Disability Justice und Radical Care. Diese wurden nicht illustrativ umgesetzt, sondern körperlich erforscht. Bewegung entstand aus Situationen von Unterstützung, Widerstand, Nähe und Rückzug. Auch die Auseinandersetzung mit unsichtbarer Arbeit, Erschöpfung und dem Druck, funktionieren zu müssen, hat die choreografische Sprache stark beeinflusst.«

Wie hat das Publikum auf ›Dare to Care‹ reagiert? Gibt es Rückmeldungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

»Die Reaktionen sind oft persönlich und vielschichtig. Viele Zuschauer:innen berichten, dass sie sich in den Themen wiederfinden, besonders in Fragen von Überforderung, Fürsorge und dem Umgang mit eigenen Grenzen. Auffällig ist, dass das Publikum die offene Struktur und das Setting der Relaxed Performance als entlastend erlebt. Menschen fühlen sich eingeladen, sich auf eigene Weise zu positionieren, körperlich wie emotional. Besonders in Erinnerung bleiben Rückmeldungen, die beschreiben, dass das Stück Räume öffnet: für Reflexion, für Verletzlichkeit und für ein anderes Verständnis von Miteinander, das über die Bühne hinauswirkt.«

Vielen Dank für diese Einblicke!